Jene, die träumen

Woher nehme ich meine Inspiration? Wie erstelle ich Vorlagen und welche Materialien verwende ich? In dieser Blog-Serie werde ich den Hintergrund und den Gestaltungsprozess von ausgewählten Kunstwerken genauer beleuchten. Eine Materialliste findet sich am Ende.


Gemälde mit Acrylfarben (Mixed Media), 50 × 80 cm

Ein Schäfchen… Zwei Schäfchen… Drei Schäfchen…

Als ihr die Augen langsam zufallen, erblüht eine wundervolle Landschaft hinter ihren Lidern. Formen schieben sich übereinander und setzten sich zu neuen Erfahrungen um sie herum zusammen. Was ist das für ein Ort? Die Luft schmeckt süss nach den Erdbeeren aus ihrer Kindheit und kühlt ihre Haut wie der Sprung in den See nach einem heissen Sommertag. Doch statt nach der Logik dieser Erklärungen zu folgen, verschwindet sie in der Absurdität dieser Welt. Weit entfernt von dem dreckigen Geschirr im Spülbecken, den Problemen mit dem respektlosen Vorgesetzten oder dem Loch in ihrem Lieblingstop, das sie schon seit Wochen nähen wollte. Hier gibt es keine Erwartungen, keine strafenden Blicke für unangemessene Kleidung, keine falschen Körperformen. Hier ist sie alleine.

Hinter diesem Werk stehen verschiedenste Inspirationen – zu den massgeblichsten gehören der Film “Alice im Wunderland” von Lewis Carroll, “Madame Sosostris & the Festival for the Broken-Hearted”von Ben Okri und die zauberhaften Werke der Künstlerin Nadezda. Mir war klar, dass ich als grundsätzliches Konzept ein Traum-Motiv und dessen magische Absurdität aufgreifen wollte.

Schritt 1:

Zuerst habe ich die unten abgebildete Skizze angefertigt, wo ich meine wichtigsten Absichten festlegen konnte. Zu diesem Zeitpunkt skizzierte ich noch zwei mögliche Konzepte mit komplett verschiedenen Kompositionen. Die linke Version ist meinem finalen Werk deutlich ähnlicher. Eine Mischung aus Stichworten und tatsächlichen Skizzen hilft mir jeweils am meisten, meine Gedanken schnell auf Papier zu bringen. Manchmal vereinfacht es, gestalterische Entscheidungen zu treffen, wenn man mit jemandem über das Konzept spricht – oder kein Wort darüber verliert, bis es fertig ist, je nach dem ;)

Schritt 2:

Ich arbeite stets mit Referenzbildern, was in diesem Fall eine grob auf Procreate zusammengestellte Vorlage war. Ich habe Elemente von diversen Fotos und Illustrationen genommen, die ich auf Pinterest, Instagram und Google gefunden habe.

Symbolik:

Für diese Arbeit wollte ich sehr überlegt und systematisch vorgehen mit den integrierten Elementen, weswegen ich mir viele Gedanken zur Symbolik machte.

Das Motiv zeigt zwei weibliche Figuren in einem traumartigen Landschaftsraum. Während eine Frau die Augen geschlossen hält und in sich gekehrt erscheint, blickt die andere wach und zugleich entrückt in die sie umgebende Szenerie. Diese beiden Zustände stehen sinnbildlich für unterschiedliche Formen von Bewusstsein: Rückzug und Selbstwahrnehmung einerseits, Offenheit und gedankliches Abschweifen andererseits. Die Nacktheit der Figuren wollte ich dabei nicht als erotisches, sondern symbolisches Element einsetzen. Sie verweist auf Verletzlichkeit, Unmittelbarkeit und das Loslösen von gesellschaftlichen Zuschreibungen. Besonders interessiert mich dabei die Frage, wie sich Identität und Selbstwahrnehmung jenseits bekannter Normen darstellen lassen. Die umgebenden Elemente entstammen einer bewusst fragmentierten, beinahe absurden Traumlogik. Das Einschlafen wird durch die springenden Schafe aufgegriffen, die zugleich auf repetitive Gedankenmuster verweisen und den Versuch, innere Unruhe zu ordnen. Der Tiger fungiert als ambivalente Metapher für Instinkt, Bedrohung, aber auch für Stärke und Präsenz. Während die kleinen Ballerinen für Disziplin, Körperkontrolle und gesellschaftliche Ideale von Perfektion stehen, führt die Ziege eine beinahe mythische Ebene ein und damit eine Verbindung zu älteren Bildtraditionen. Letztendlich wollte ich die Szene durch den Baum in einer Art mentale Topografie verankern, mehr als eine konkrete Landschaft. Figuren und Elemente überlagern sich, stehen jedoch in einem visuellen Dialog zueinander, ohne einer linearen Erzählung zu folgen. Stattdessen entsteht eine offene Bildstruktur, die Raum für individuelle Deutungen lässt.

Procreate-Vorlage

 

Zwei anfängliche Bildkonzepte

 

Schritt 3:

Das Outline dieser Vorlage übertrug ich auf ein abgeschliffenes und mehrmals grundiertes Canvas-Board, damit die Oberfläche nicht zu rau ist. Wenn ich bereits farbig grundiere, fällt es mir anschliessend einfacher, die Tonwerte abzuschätzen.

Wie man an der Vorlage erkennen kann, hat sich im Verlauf des Malens noch ziemlich viel geändert – an den Figuren, ihrer Körperhaltung und der grundsätzlichen Komposition. Vor wichtigen Entscheidungen, die von der Referenz abweichen, mache ich jeweils ein Foto und probiere teilweise Veränderungen zuerst digital am iPad aus.

Wie so häufig begann ich mit der Ausarbeitung der Figuren, arbeitete jedoch zunehmend an mehreren Elementen parallel.

Schritt 4:

Im Prozess ergaben sich Motivaspekte, zu denen ich immer wieder zurückkam und erneut überarbeitete, da sie mir noch nicht gefielen. Meistens lohnt es sich in solchen Fällen, sich ein paar Tage auf andere Elemente zu fokussieren und erst dann darauf zurückzukommen.

In einer ähnlichen Problematik ist es manchmal schwierig abzuschätzen, wann ein Motiv respektive ein Gemälde “fertig” ist. Hierfür kann man andere fragen, was ihnen als Erstes ins Auge sticht. Wirkt etwas unfertig oder unausgeglichen?

Mehr Content lässt sich auch auf meinem Instagram-Profil finden.

Materialliste:

  • Canvas-Board, 50 x 80 cm

  • Grundierung Acryl-Gesso (Lascaux)

  • Acrylfarben (Amsterdam)

  • Bleistift (Faber Castell)

 
  • Farbstifte (Caran d’Ache)

  • Fineliner (Faber Castell)

  • White Gel-Pen (Gelly Roll 05, 08)

  • Fixativ (Lascaux 2070)

  • Pinsel (z.B Sostrene Grene 07)


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Was in der Nacht verschwindet